Feines Auge, grobes Hirn

Das Farbgedächtnis des Menschen arbeitet in nur sehr wenigen Kategorien. Es gibt Ultramarinblau, Kobaltblau, Himmelblau, Dunkelblau – Tausende solcher Blautöne kann das menschliche Auge unterscheiden. Soll sich jedoch das Gehirn einen Farbton merken, bleibt davon nur eine einzige Kategorie übrig: Blau. Das Raster, in dem das Gedächtnis Farbtöne abspeichert, ist überraschend grob, haben nun amerikanische Forscher in einer Studie gezeigt.

Das Auge ist ungemein sensibel in der Wahrnehmung selbst feinster Farbnuancen. Wie viele Farben es jedoch tatsächlich unterscheiden kann, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Berechnungen zufolge kann das Auge rund 200 Farbtöne erkennen – und bei jedem einzelnen davon 500 Abstufungen der Helligkeit. Hinzu kommen pro Farbton noch 20 verschiedene Weißanteile, was insgesamt zwei Millionen Farben entspricht. Andere Schätzungen gehen von rund 200.000 Farben aus. Diese Vielfalt verwandelt sich jedoch schnell in Einfalt, wenn sich der Mensch einen Farbton merken möchte, erklärt Jonathan Flombaum von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore.

Der Kognitionswissenschaftler hatte mit seinem Team Freiwilligen zunächst eine 180 Töne umfassende Farbskala gezeigt. Die Probanden sollten jene Farbtöne herausgreifen, die nach ihrem Empfinden am besten die Farben Blau, Pink, Grün, Violett, Orange und Gelb repräsentieren.

Im zweiten Teil der Tests, dem eigentlichen Experiment, zeigten die Wissenschaftler den Probanden für den Bruchteil einer Sekunde eine der 180 Farben. Nach einer kurzen Pause von nur einer Sekunde sollten die Probanden diese dann auf der Farbskala wiederfinden. Das Ergebnis: Die Probanden konnten die gezeigten Farben nicht im Gedächtnis behalten und wählten stattdessen vielmehr Farbtöne aus, die den sechs zuvor bestimmten exemplarischen Grundfarben nahekamen. Aus den unzähligen Farbtönen, die der Sehsinn wahrnehmen kann, macht das Gedächtnis nur ein halbes Dutzend.

Offensichtlich könne es sich isolierte Farbtöne wohl nur merken, indem es den Farben von der Sprache geprägte „Etiketten“ zuteilt, erklärt Flombaum dieses Resultat. „Wenn wir uns merken sollen, was wir gesehen haben, so ist da auf einmal eine Stimme, die sagt: ‘Das ist Blau‘", erläutert der Wissenschaftler. Und mehr könne man von einem solchen Seherlebnis dann auch nicht im Gedächtnis behalten.

Eine solche grobe Kategorisierung sei beim menschlichen Gedächtnis nichts Ungewöhnliches. Überall da, wo das Gehirn eine Vielfalt an Informationen abzuspeichern hat, verwende es Schubladen: Vogel, Haus, Auto, Gesicht. Auch hier sei die Sprache das zentrale Medium der Kategorisierung und der Speicherung.

Gegenstand weiterer Studien könnte nun sein, ob sich das Gedächtnis auch unabhängig von diesem groben Raster Farben in viel feineren Abstufungen merken kann – vielleicht anhand eines konkreten Kontexts wie die Farbe des Elternhauses, die des eigenen Autos, die des Lieblingspullovers oder die dominierende Farbe eines bekannten Kunstwerks. Wer glaubt, einen speziellen Farbton gut im Gedächtnis zu haben, kann dies ja einstweilen selbst ausprobieren: Einfach den Farbton auf einem Farbfächer aussuchen und dann mit dem Original vergleichen. (ud)

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